Mein Leben in Azua Teil II

Posted: 15. April 2010 in Alltägliches
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Lang, lang ist’s her, seit ich den letzten Blogeintrag geschrieben habe. Das war noch vor dem Besuch meiner Freundin Ann. Über unseren gemeinsamen Urlaub in einem der tausend All Inclusive-Ressorts möchte ich eigentlich gar nicht so viel schreiben, außer, dass es traumhaft schön und viel zu kurz war. Die zwei Wochen Luxus waren für mich Urlaub pur, auch wenn das aus DEM Urlaubsland schlechthin vielleicht etwas unglaubwürdig klingt. Aber rund um die Uhr Strom und warmes, fließendes Wasser sind für mich mittlerweile eben auch etwas besonderes geworden, was man sehr zu schätzen lernen kann. Ebenso natürlich das reichhaltige Essens- und Getränkeangebot. Von Reis und Bohnen sowie zermatschten Platanos habe ich die meiste Zeit die Finger gelassen.
Zusammen haben wir einige Ausflüge unternommen, unter anderem auf die Isla Saona, in meine „Heimatstadt“ Azua und in die Hauptstadt Santo Domingo. Mir war es wichtig, dass ich meiner Freundin das Land und die Kultur auch außerhalb der Hotelmauern näher bringen konnte. Vielleicht habe ich dabei manchmal vergessen, dass vieles für mich schon normal ist und ihr dadurch etwas zu viel zugemutet, aber ich denke, dass es nicht schlecht war, dass sie selbst gesehen hat, wie ich und der Rest der Menschen hier leben und dass der Großteil des Landes nicht aus weißen Palmenstränden und azurblauem Meer besteht.
So gingen die zwei Wochen zusammen leider wie im Flug vorbei und jetzt heißt es die restlichen 5 Monate wieder tausende von Kilometer getrennt zu verbringen. Aber auch das letzte Stück werden wir noch meistern.

In Altos de Chavon vor dem Panorama des Rio Chavon, in dessen Tal eine Szene des Films "Armageddon" gedreht wurde.

Auf der Isla Saona

Sonnenuntergang an unserem Hotelstrand

Mit dem Baby meiner Gastschwester - schonmal Probehalten.

Die Regenzeit ist anscheinend nach längerem Warten und angeblich sogar teilweisem Rindersterben durch Trockenheit, auch angekommen und es Regnet gerade aus sämtlichen Eimern, die der karibische Himmel über dem wolkenbehangenen Azua zu bieten hat.
Nach dem Urlaub hieß es für mich wieder Arbeiten. Der Übergang fiel mir reichlich schwer, da mein Projekt ja leider immer noch nicht das ist, was ich mir vorgestellt hatte. Mit weiteren Schikanen hat AFS DomRep und der ADR (Unsere Projektgeber) auch dafür gesorgt, dass das vorerst so bleiben soll. So ist ein Projektwechsel ausgeschlossen worden und die Suche nach Zweitprojekten auf zwei Nachmittage beschränkt worden, was man auch genauso gut lassen kann. Da ich davon ausgehe, dass meine Chefin dank fehlender Kommunikation mit Santo Domingo, davon gar nichts weiß, werde ich diese Woche noch mit ihr darüber verhandeln, ob ich nicht wenigstens für 2-3 Tage einer anderen Arbeit nachgehen kann. Ich fühle mich zwar wohl in meinem Projekt, allerdings würde ich gerne auch noch mal etwas anderes kennen lernen. Außerdem bin ich der Meinung, dass unser Projekt (zumindest im Falle der meisten Freiwilligen hier) falsch ausgewählt ist. Das nur kurz zur Kenntnis aller BMZ und AFS Mitarbeiter sowie zukünftiger DomRep-Freiwilligen des ADR. Es gibt im Land tausende Projekte, die unsere Hilfe mehr gebrauchen könnten, die sie aber auf Grund deutscher Bürokratie nie empfangen werden. Zumindest nicht offiziell, was natürlich sehr schade ist. Andererseits bietet mir der Zustand auf Arbeit im Moment genügend Gelegenheit mich mit meinem zukünftigen Studium auseinander zu setzen.
Freizeitmäßig habe ich seit einer Woche wieder das regelmäßige Laufen angefangen, in der Gruppe, mit der ich auch vorher schon fleißig trainiert habe. Von dieser hatten alle nach meiner mehrmonatigen Abwesenheit schon damit gerechnet, dass ich längst wieder in Alemania sei. Meinen Spanischkurs, der zu 98% im Internet stattfindet verfolge ich auch eher mit dominikanischer Einstellung zur Sache: Mañana (morgen).
Aus dem Urlaub kam ich dann auch direkt in die Semana Santa zurück nach Azua. Semana Santa ist hier die Osterwoche und wird traditionell am Strand verbracht. Das ist auch so ungefähr das einzige Mal für viele Dominikaner, dass sie den nahe gelegenen Strand besuchen. Meine Familie hat auch diese Woche wie jede andere im Jahr verbracht: Zu Hause im Plastikstuhl.
Mit einigen anderen bin ich dagegen auch mal einen Samstag an einen Strand gefahren und war ziemlich Überrascht von der Menschenmenge. Die sonst so wasserscheuen Dominikaner waren sogar teilweise im Wasser und die unter ihnen, die schwimmen können, sogar relativ weit draußen. Natürlich gab es auch wieder überall Musik, teilweise sogar live Merengue am Strand und auch Bier und Rum durfte nicht fehlen. Das Essen nehmen so gut wie alle Familien mit an den Strand. Meistens natürlich der geliebte Reis mit Bohnen, auch „Morro“ genannt. Ein für die Semana Santa typisches Gericht ist „Habichuela con Dulce“ (wörtlich: „Bohnen mit Süßem“), was eine Art Suppe aus den typischen roten Bohnen, Kokos, Zimt, Nelken und je nach Hausrezept noch anderen Zutaten ist, die traditionell jede Familie zuhause macht und dann an ihre Nachbarn weitergibt. Leider ist diese Tradition aber schon so weit verkommen, dass mittlerweile wenige Familien riesige Mengen davon produzieren und viele Familien diese dankend annehmen. Für mich schmeckt die „Habichuela con Dulce“ sehr nach Weihnachten, wie sowieso alles was Zimt und Nelken beinhaltet. Den Spaß damit hat man angeblich auch erst am nächsten Tag beim Gang zum Klo.
Da sonst nicht viel passiert ist hier in letzter Zeit und es gut zum Thema passt, kommt jetzt noch ein kurzer Bericht aus Azua. Diesmal passend zum Thema: Der Strand.
Jeder, der regelmäßig meine Beiträge ließt – zumindest so regelmäßig, wie sie erscheinen – oder wer sich Azua schon mal auf einer Karte der Dominikanischen Republik angeschaut hat, dem dürfte aufgefallen sein, dass A-Town, wie ich meine lieb gewonnene Stadt mittlerweile nenne, je nach Auflösung der Karte mehr oder weniger direkt am Meer liegt. Wer eins und eins zusammenzählt, der wird bei einem Strand im karibischen Meer an weiße Sandstrände und Palmen denken. So nicht in Azua. Der Strand liegt so weit entfernt, dass eine Fahrt auf dem Motoconcho schon mal ein kleines Vermögen kosten kann (ca. 10 km = 150 Peso/3 Euro eine Fahrt). So kommen die meisten Azuanos dort auch höchstens mal am Wochenende mit dem privaten Vehiculo hin. Der Hauptstrand an sich, mit Namen „Monte Rio“, ist allerdings alles andere als ein karibischer Traumstrand, eher noch ein karibischer Trauerstrand. In der weiten Bucht ist das Wasser so trüb, dass von blau keine Rede mehr sein kann und der Strand bietet zwar keine Palmen, dafür aber unheimlich viel Müll und um die Essensstände streunende Hunde. Die paar Mal, die ich bisher dort war, sind wir dann auch immer ein kleines Stück weiter in eine kleine Bucht gegangen, deren Strand aus tausenden Korallenstückchen und kleinen Steinchen besteht. Ist zwar etwas ungemütlich, aber viel schöner und das Wasser auch direkt viel klarer.

Blick über die Bucht von Azua

Blick vom Strand "Playa Blanca" auf's Meer.

Müll gibt’s leider auch dort genug. Die Dominikaner scheinen dafür kein Bewusstsein zu haben und so findet sich dort vom Schuh bis zum Kamm alles, was man irgendwie loswerden kann.

Müllberg am Strand von Azua.

Strandaussicht mit Müll

In diese abgelegenere Bucht kommen auch viele Pärchen, um im Wasser des Meeres oder den umgebenden Büschen etwas intimer zu werden. Wegen der krassen dominikanischen Doppelmoral, in der ständig über Sex geredet oder im Raggaeton gesungen wird, aber im familiären Alltag völliges Tabu ist, kann man sich als Dominikaner auf keinen Fall mit Freund oder Freundin im Eigenheim sexuell ausleben. Man sieht auch kaum öffentlich küssende oder Händchen haltende Pärchen. In der dominikanischen Öffentlichkeit und vor allem der Familie sind Beziehungen und vor allem Sex immer noch ein ziemliches Tabu. Deswegen weichen viele Jugendliche eben auf abgelegene Orte und das Meer aus und die besser betuchten suchen die sogenannten Cabañas (spezielle Stundenhotels) auf. Wenn dann mal wieder eine Tochter mit 16 schwanger wird, wird das Thema totgeschwiegen, als glaube man immer noch an die jungfräuliche Empfängnis. Allerdings bringt eben diese Doppelmoral wohl auch viele Jugendliche in Schwierigkeiten: Man kann sich hier ja kein Kondom kaufen, ohne dass es hinterher halb Azua weiß.
Aber zurück zum Strand: Denkt man sich den Müll weg, ist der Strand im ganzen Land eigentlich wirklich schön und sehr abwechslungsreich. Auch in Azua. Hier gibt es auch immer noch einige Fischer und eine Spezialität hier ist der frittierte Fisch, der überall am Straßenrand und am Strand, zusammen mit allerlei anderen frittierten Leckereien, angeboten wird. Auch sieht man oft Langusten und große Fische, die Frisch an der Straße zum Verkauf angeboten werden.

Frittierter Fisch - nicht von Maggi, sondern aus Azua.

Trotz der relativen Nähe, war ich aber wie gesagt auch noch nicht so oft an Strand von Azua, da es doch schönere Strände gibt. Der Müll macht eben doch vieles kaputt. Dieses Problem hat aber nicht nur Azua, sondern viele Strände und überhaupt die ganze Dominikanische Republik.

Ich am Strand von Azua.

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