Lebenszeichen aus der Karibik

Posted: 29. Juni 2010 in Alltägliches, Arbeit
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Besser spät, als nie, um mal bei Fionn zu klauen, kommt mal wieder ein Beitrag von mir. Längst überfällig, gibt es natürlich tausend Sachen, die ich erzählen könnte. Vieles ist mittlerweile auch schon so lange her, dass ich mich selbst kaum noch daran erinnern kann und euch deswegen nur kurz davon berichten werde. Ich weiß garnicht, wo ich anfangen soll, weswegen ich einfach mal anhand der Fotos, die ich in letzter Zeit gemacht habe, schauen werde, was so passiert ist.

Es fängt damit an, dass ich nach langer Zeit des Überlegens doch den dominikanischen Haarschnitt ausprobiert habe. Das heißt kurz. Sehr kurz. So kurz wie noch nie und so, dass es kaum noch kürzer geht. Ich wette, der Fußballrasen in Südafrika ist nicht viel kürzer!

Mit diesem neuen Schnitt ging’s dann auch gleich zur Fashion Week in Santo Domingo. Eingeladen von einem Freund, dessen Schwester Designerin ist und dort eine Modenshow hatte, habe ich mich mit Jonathan und Micki auf den Weg gemacht. Natürlich angemessen gestylt! Wenn ich mich hier in einer Hinsicht definitiv verändert habe, dann ist es „Styling“. War es mir vorher ziemlich egal, was ich gerade an hatte und ob die Farben zusammen passten, musste ich hier doch sehr schnell lernen, dass man im ersten Moment hauptsächlich darauf reduziert wird.

So haben wir uns den ganzen Tag angesehen, wie die Models mehr oder weniger professionell und teilweise in sehr ausgefallenen Kleidern über den Laufsteg gallopiert sind. Ich kannte das ganze ja bisher nur von Heidi Klum und ihren „Topmodels“, aber das kam dem schon sehr nahe und teilweise war es wirklich beeindruckend, auch wenn mich die Klamotten größtenteils überhaupt nicht begeistert haben. Ich weiß nicht, wer sowas im Alltag anziehen soll…

Nachdem wir uns dann den ganzen Tag über die Models angeschaut hatten, sind wir am Abend noch zur After-Showparty direkt am Wasser gegangen und haben den Abend dort mit Raggaeton und Presidente ausklingen lassen.

Am 16. Mai waren dann hier die Wahlen, für die schon, seit ich hier im September angekommen bin, Wahlkampf gemacht wird. Bei diesen Wahlen wurden für die Bezirke und Städte Bürgermeister, Senatoren und Regitoren gewählt. Hauptkonkurrenten sind dabei die PRD (weiß) und die PLD (lila), wobei der momentane Präsident des Landes, Leonel Fernandez, der PLD angehört. In der Zeit vor den Wahlen war das Hauptgesprächsthema, ob man weiß oder lila ist. Das ist hier noch weniger vom Programm abhängig, als bei uns und entscheidet sich hauptsächlich durch den Wahlkampf. Dieser wird gerne mit Freibier, Freibenzin, Mützen, T-Shirts und sonstigem, was Mensch gleich anfassen kann, geführt. Sehr beliebt sind auch die sogenannten „Caravanas“, die kurz vor der Wahl in Azua jedes Wochenende statt fanden. Dabei bilden sich riesige Korsos aus allem, was fährt und gerne auch viel Krach macht. Kommt so eine Caravana am Haus einer Familie vorbei, wird sofort alles stehen und liegen gelassen und auf die Straße gerannt. Dabei war für mich die Faszination der Leute für Lärm und Abgase nie wirklich nachzuvollziehen. Aber vielleicht haben ja gerade die Caravanas die Wahlen entschieden. Zumindest haben „Die Lilanen“ in ca. 95% aller Regionen gewonnen, so auch in Azua.

Politik ist hier ein heißes Thema, das auch mal mit Toten enden kann, deshalb war am Wahlwochenende absolutes Musik- und Alkoholverbot und die Colmados haben wahrscheinlich ihr miesestes Wochenende des Jahres gehabt. Ich hab das Wochenende mit Jonathan bei seiner ehemaligen Gastfamilie in Guayacanal Verbracht, einem „Campo“, also Dorf, von Azua. Dort wurde sich nicht wirklich an das Ausschankverbot gehalten, aber es war deutlich ruhiger als sonst. In dem Fitnesstudio, in das ich ab und zu mal gehe, ist das Reden über Politik sowieso grundsätzlich verboten, um eventuellen Auseinandersetzungen gleich vorzubeugen.

Eine einschneidende Änderung hat sich Anfang Mai ergeben. Zu dem Zeitpunkt konnte ich nämlich endlich meine Projektsituation verbessern. Nach sage und schreibe sieben (sieben!) Monaten, in denen ich gemeinsam mit anderen Freiwilligen dafür gekämpft habe, dass wir unsere Projektsituation verbessern können und endlich sinnvoll abeiten können, habe ich erreicht, dass ich im Rahmen meines vorherigen Projektes zwei Tage (ich wollte fünf…) als „Assistent“ in einem Kindergarten hier in Azua aushelfen kann. Einem Waldorfkindergarten genauer gesagt, der von einem schweizer Ehepaar gegründet wurde und von zwei Waldorfpädagoginnen aus Kolumbien geführt wird. Der Kindergarten ist Teil der Firma Horizontes Organicos ( —Link— ), die hauptsächlich Biobananen, aber auch andere Früchte, wie Mangos und Kokosnüsse, anbaut und exportiert. Wer also mal Biobananen aus der Dominikanischen Republik von Demeter oder so kauft, bekommt vielleicht eine leckere Banane aus Azua und unterstützt damit evtl. Sogar den Kindergarten, der bald zu einer Schule erweitert werden soll.

Der Kindergarten ist für die Kinder der umgebenden Orte und hat im Moment zwei Gruppen mit je ca. 25 Kindern, die grob nach jüngeren und älteren Kindern aufgeteilt sind. Er ist kostenlos und es besteht die Möglichkeit, dass die Kinder zuhause abgeholt und wieder dorthin gebracht werden, was allerdings 200 Peso im Monat kostet, ca. 4 Euro und sich auch alle Eltern leisten. Soweit ich weiß, ist es der einzige Waldorfkindergarten in der Dominikanischen Republik, weshalb die „Erzieherinnen“ auch aus Kolumbien kommen, da in Lateinamerika Waldorfpädagogik mittlerweile viel verbreiteter ist. Der Kindergarten erinnert auch sehr an die Waldorfeinrichtungen, die ich in Deutschland bisher kennenlernen konnte, von der Form des Gebäudes bis hin zu der Einrichtung und den Spielsachen, was für die Dominiknische Republik teilweise sehr außergewöhnlich erscheint. Wenn dann nämlich die kleinen Machojungs mit selbstgenähten Stoffpüppchen spielen und Filztäschchen nähen sollen, kommen sie oft mit den Rollenbildern in Konflikt, die sie von Brüdern und sonstigen Älteren vorgeführt bekommen. Die dominikanische ist halt doch eine Macho-Kultur. Allerdings funktioniert das überraschend gut, auch wenn die Erzieherin mit den 25 Kindern oft völlig überfordert ist und ich das erste mal richtig arbeiten kann. Juhu! Nach 7 Monaten! 2 Tage die Woche! Danke AFS! Seitenlanges Aufregen über AFS, ADR und sonstige Verantwortliche spare ich mir an dieser Stelle. Ich möchte euch ja nicht langweilen und eventuelle Freiwillige nicht abschrecken, es sind ja wie gesagt auch nur meine Erfahrungen und ich möchte das nicht verallgemeinern.

Der Alltag im Kindergarten sieht so aus, dass die Kinder grundsätzlich frei spielen können und einige Kinder, je nach Erzieher-Verfügbarkeit, Mal- oder Bastelarbeiten machen. Währenddessen macht die zweite „Erzieherin“, die auch für die Küche zuständig ist, mit ein paar Kindern eine kleine Mahlzeit, die es dann meist so gegen 10 Uhr gibt. Das sind dann frisch gebackene vollkorn (ja, vollkorn! Gibt’s sonst hier nicht wirklich) Brötchen, Kuchen, Sandwiches oder sonstige leckere Kleinigkeiten. Dazu immer frischen Fruchtsaft, oft aus den Früchten, die direkt um den Kindergarten wachsen, hauptsächlich Mangos, Papayas und Bananen, aber gerne auch mal Tamarind oder die frisch von der hauseigenen Kuh gemolkene Milch, aus der auch Butter für die leckeren Brötchen gemacht wird. Es geht also alles getreu den Waldorf-Leitlinien, auch wenn die natürlich landestypisch angepasst werden müssen. Mir macht die Arbeit mit den Kindern superviel Spaß, vor allem, weil es eine tolle Arbeitsumgebung ist und ich endlich sinnvoll helfen kann und eine schöne Alternative zu dem tristen Büroalltag an meiner anderen Arbeit habe. An diese gehe ich jeden Tag mit weniger Motivation und eigentlich warte ich jeden Tag nur noch darauf, dass es endlich vier Uhr ist und ich nach Hause gehen kann. Es ist traurig, dass das mit der Projektsituation so schlecht gelaufen ist, aber wir haben ziemlich früh gemerkt, dass man auch so das beste aus der Situation machen kann und uns dementsprechend ausgleichende Möglichkeiten gesucht.

Aber zurück zu den Waldorf-Brötchen. Nach dem Essen geht’s dann in die Pause, in der die Kinder draußen toben und spielen können. Danach ist dann wieder Freies Spielen und Arbeiten angesagt, bis es dann irgendwann nach Hause geht. Zwischendurch wird auch viel gesungen und „getanzt“, was einige Kinder mit weniger Begeisterung mitmachen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass alle Kinder gerne dorthin gehen, da sie dort ein Angebot finden, welches sie sonst zuhause nicht hätten. Einige Kinder sind auch von den Arbeitern der Bananenplantage, die oft direkt dort wohnen und sehr oft Haitianer sind. Manche von ihnen können kaum Spanisch und sind deswegen noch sehr ruhig. Ich habe aber in den zwei Monaten, die ich bis jetzt dort bin, schon mitbekommen, wie rasend schnell sich das ändert und die Kinder die Sprache lernen und „auftauen“.

Apropos Haiti…eigentlich wollten wir zum Ende unseres Aufenthaltes hier auch noch mal mit der Organisation „Un Techo para mi pais“ nach Haiti zum Wiederaufbau fahren, aber eine bestimmte Organisation in der Dominikanischen Republik, die mit A anfängt und mit FS aufhört, hat uns das leider verboten. Es ist schade, wie wir hier immer wieder schikaniert und wie Kleinkinder behandelt werden und vor allem daran gehindert werden, hier endlich mal sinnvoll zu arbeiten.

Aber bevor ich mich hier wieder in Rage schreibe, ein paar Bilder vom Kindergarten:

Das war’s auch erstmal schon wieder, auch wenn ich noch viel mehr schreiben könnte. Ich werde versuchen in der knappen Zeit, die mir noch bleibt, nochmal öfter zu bloggen, es gibt noch ein paar Dinge, die ich noch nicht erzählt habe und meine wenigen verbleibenden Wochen möchte ich natürlich auch noch ausgiebig nutzen, bevor es dann am 19. August wieder in die Heimat geht. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass die Zeit rast und ich das, was ich noch alles vor habe, garnicht mehr in der Zeit schaffe, andererseits freue ich mich aber auch schon wieder sehr auf Deutschland. Natürlich verfolgen wir hier auch fleißig die WM mit und sind bei jedem Deutschland-Spiel mit allen zusammen im Centro Dominico-Aleman in Santo Domingo, um kräftig anzufeuern. Ich will ja mal hoffen, dass es da noch ein paar Gelegenhaiten geben wird!

Schlaaand! *Trööööööt*

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